
Kostümbild zwischen Showglanz und Zeitgeschichte
Interview mit Kostümbildner Christian Röhrs und Juliane Maier zum ZDF-Film “Rosenthal”.
Am 2. April 2025 wäre Hans Rosenthal 100 Jahre alt geworden. Das ZDF widmet dem beliebten Entertainer (“Dalli Dalli”) einen besonderen “Fernsehfilm der Woche”, der seine wenig bekannte Seite als Holocaust-Überlebender zeigt – im Spannungsfeld zwischen Showbusiness und persönlicher Vergangenheit. Regisseur Oliver Haffner inszenierte den Film mit Florian Lukas in der Hauptrolle, begleitet von einer begleitenden Dokumentation. Kostümbildner Christian Röhrs und Juliane Maier geben im Interview Einblicke in ihre Arbeit am Film – sie sind zudem aktuell für ihre Arbeit am Film Cranko für den Deutschen Filmpreis nominiert.
Wie seid ihr an die Recherche und Gestaltung der Kostüme für “Rosenthal” herangegangen?
Christian Röhrs: Wir sind tief in die deutsche Kostümgeschichte der 40er bis 70er Jahre eingetaucht, haben Bildbände und Zeitschriften gewälzt und Hans Rosenthals Autobiografie “Zwei Leben in Deutschland” gelesen. Parallel dazu tauschten wir uns mit unserem Regisseur Oliver Haffner über Dokumentationen und Bildmaterial aus. Alte “Dalli Dalli”-Sendungen sowie Nachrichten-Beiträge und Dokus aus dem Jahr 1978 dienten uns als wichtige Inspirationsquellen.
Wie teilt ihr euch die Arbeit auf und wie läuft eure Zusammenarbeit normalerweise ab?
Juliane Maier: Wir starten mit einem intensiven Austausch über das Drehbuch, entwickeln gemeinsam Moods und besprechen unsere Ideen mit der Regie. Anschließend begeben wir uns eigenständig auf die Suche nach Kostümen. Die Kostümproben führen wir später gemeinsam durch, ebenso die finale Kostümeinteilung. Wir teilen denselben Qualitätsanspruch, bringen jedoch unterschiedliche Blickwinkel ein – eine Kombination, die unsere Arbeit immer wieder bereichert.
Hans Rosenthals ikonischer Look – gab es bestimmte Kleidungsstücke oder Stilelemente, die für ihn besonders charakteristisch waren?
Juliane Maier: Ein modischer Maßanzug, kombiniert mit Manschettenhemd und extravaganter Krawatte – das war sein Look. Hans Rosenthal hatte einen ausgeprägten Sinn für Stil, legte großen Wert auf ein gepflegtes Erscheinungsbild und ließ sich professionell beraten.
Mit unserem begrenzten Budget konnten wir nur wenige Anfertigungen realisieren. Dabei haben wir uns auf zwei Maßanzüge für unseren Hauptdarsteller Florian Lukas konzentriert, um diese Eleganz zu transportieren.
Welche Rolle spielen die Kostüme in der Charakterentwicklung innerhalb des Films? Gibt es Unterschiede zwischen dem öffentlichen und dem privaten Rosenthal?
Christian Röhrs: Ja, diese Unterschiede sind deutlich sichtbar. Im Verlauf des Films fasst Hans Rosenthal auf Anraten seiner Frau Traudl den Entschluss, dem Publikum von seiner Vergangenheit als jüdisches Waisenkind und Holocaust-Überlebender zu erzählen. In den Szenen seiner Kindheit zeigen wir ihn in schlichten, ärmlichen Kleidern. Als Quizmaster tritt er stets perfekt gekleidet auf, während er im privaten Umfeld eher leger und zurückgenommen erscheint.
Welche Rolle spielte der Kostümfundus Babelsberg bei der Arbeit?
Christian Röhrs: Der Fundus war ein zentraler Bestandteil unserer Arbeit. Dort haben wir eine große Auswahl an Originalstücken gefunden und eine komplette LKW-Ladung nach München transportiert, wo wir im Produktionsbüro einen temporären Fundus eingerichtet haben.
Wie beeinflusst die Arbeit mit dem Fundus eure kreative Arbeit? In welchen Phasen nutzt ihr ihn am meisten?
Juliane Maier: Vor allem in der Vorbereitungszeit arbeiten wir uns durch die Gänge: Der Fundus ist eine wahre Schatzkammer. Die Vielfalt der Stücke ist ungemein inspirierend – vor allem für historische Projekte.
Gab es während der Arbeit an “Rosenthal” emotionale Momente für euch?
Christian Röhrs: Viele. Beim Lesen des Drehbuchs und bei den Dreharbeiten zu den 1940er-Szenen war die Stimmung oft sehr bewegend. Ein besonders schöner Moment war, als Florian Lukas in der zweiten Anprobe den maßgeschneiderten Anzug trug – und plötzlich ganz die Gestik von Hans Rosenthal annahm. Das war ein magischer Augenblick…
Juliane Maier: … der sich während der Dreharbeiten im nachgebauten “Dalli Dalli”-Studio fortsetzte.
Wenn ein Kostüm aus dem Film in 50 Jahren in einem Museum ausgestellt würde – welches wäre es, und was würde es erzählen?
Juliane Maier: Der schwarze Dreiteiler – Hans Rosenthal wählte ihn bewusst als Zeichen des Erinnerns für seine 75. Jubiläumssendung, die am 9. November 1978 - dem Tag, an dem in Deutschland erstmals öffentlich der Reichspogromnacht gedacht wurde. Für den jüdischen Entertainer wurde dieser Abend zur emotionalen Zerreißprobe.
Von dieser Geschichte erzählt unser Film.